Arbeit

Als ich 1992 den ersten Kontakt zum Fernsehen aufnahm, ganz klassisch in Form eines dreimonatigen Praktikums bei SAT.1 in Mainz, habe ich eine Sache besonders verinnerlicht. Ein TV-Journalist sollte eines beherrschen: das Stolpern. „Nur, wer mit offenen Augen durch die Welt geht, kann über gute Geschichten stolpern“, so hat es ein Kollege vom Hessischen Rundfunk formuliert. Stolpern, aber nicht längs hinschlagen.

Ich habe dann ein Jahr bei einem SAT.1.-Regionalprogramm gearbeitet. Das Fernsehhandwerkszeug, das mir dort vermittelt wurde, war die Basis für mein Schaffen in dieser Branche. Journalistisch darf man von einem solchen Format kein investigatives Feuerwerk erwarten, doch das wusste ich vorher. Nicht umsonst verzweifelt die Hauptfigur meiner Krimis, Tim Groning, manchmal an der Provinzialität des Darmstädter Senders TeleSüd.

Anschließend habe ich bei n-tv angeklopft. Ich musste mir einen völlig anderen Arbeitsstil angewöhnen, hier stolpert man nur selten über Geschichten, die Arbeitsaufträge werden einem vom Redakteur auf den Tisch geknallt. DPA und Reuters bestimmen deinen Tag, wer einen Newsflash abfackelt, hat keine Zeit für epische Reportage-Werke. Dieser andere Arbeitsstil war sprachlich schlicht, schnörkelfrei und vor allem schnell.

Diese beiden Arten einen Fernsehbeitrag zu produzieren nahm ich mit zu anderen Sendern. Aufschlussreich war für mich die Arbeit für den Mitteldeutschen Rundfunk. Das Format hieß „Brisant“, reinster Boulevard, Blaulicht-Fernsehen nennen es einige Kollegen spöttisch. Hier gelten wieder andere Spielregeln. Tim Groning ginge hier wohl an der vorgetäuschten Tiefgründigkeit der 3-Minüter zugrunde. 3:30 sind einfach zu kurz, um den Anspruch umzusetzen, eine Geschichte ausführlich erzählen zu wollen.

Zeit für Hintergründe wollte sich das Format „Exakt“ von VOX nehmen, dessen Redaktionsleiter der von mir hochgeschätzte Kollege Erhard Scherfer war. Es gab mehr Zeit für die Storys, mehr Geld für die Reporter. Wir hatten die Zeit, einen Gedanken filmisch zu Ende zu führen. Leider fand die Zielgruppe das offenbar langweilig. Das Magazin kollabierte und konnte nicht reanimiert werden.

Eine komfortable Art zu arbeiten bot sich mir beim Norddeutschen Rundfunk. Einer der größten öffentlich-rechtlichen Sender mit unglaublicher Manpower. Erfreut stellte ich fest, dass der Autor hier aus dem Vollen schöpfen konnte. Ich begleitete eine finanziell gut ausgestattete Fernsehshow. Sehr interessant. Leider stellte ich fest, dass mir solche Shows nicht liegen. Also wieder zurück zu Brot und Wasser, Champagner und Kaviar aber von Hamburg an im Hinterkopf.

Es folgten weitere Jahre des freiberuflichen Arbeitens in der Welt der Bewegt-Bilder.

In dieser Zeit wuchs meine Frustration über unwürdige Arbeitsbedingungen, das zunehmende Sinken der geistigen Standards der Redakteure, mit denen ich arbeiten durfte und einen nicht mehr zu ignorierenden Quotendruck.

So zog ich die Konsequenz, stieg aus und gab meinen Presseausweis zurück.

Heute schicke ich an meiner Stelle Tim Groning ins Feld. Ihm gebe ich mit, was ich gelernt und erlebt habe. Seine Geschichten sind an wirkliche Begebenheiten angelehnt.